Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft


 
Konturenlos und brav
• • • • •   (bewertet mit 2 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft (Taschenbuch) Auch ohne Finanzkrise, hätte dieses Sonntagsbuch kein besonderes Lob verdient. Merz hat so oder so die Chance verpaßt, einen argumentativen Maßstab zu setzen. Für jemanden, der nicht mehr zur politischen Klasse zählt, ist diese Schrift auffällig brav und angepaßt. Das beginnt schon mit der Rechtschreibung, die natürlich aufs Jota genau die amtlich vorgeschriebene ist. Daß sich eine kritische Position gleichermaßen in Form und Inhalt manifestieren kann, zeigt ja am leuchtenden Gegenbeispiel von Helmut Schmidts "Außer Dienst". Außer Dienst: Eine Bilanz

In der Frage gesellschaftlich umstrittener Technologien wird ein weiterer Unterschied deutlich. Merz bringt das Beispiel der synthetischen Produktion von Insulin, bei der die Fa. Hoechst Marktführer sein könnte, wenn das nicht vor mehr als 20 Jahren von der damaligen rot-grünen Koalition mit Joschka Fischer als Umweltminister durch jahrelange Verweigerung der Betriebsgenehmigung verhindert worden wäre. Sicher stimmt es, daß die Grünen damit, ohne die Welt im geringsten verbessert zu haben, Arbeitsplätze in Hessen vernichtet haben, aber ist das nicht der Wille der deutschen Wähler gewesen? Helmut Schmidt argumentiert demgegenüber bei den gleichen Fragen viel klüger und psychologisch zutreffend, wenn er feststellt, daß die Deutschen (parteiübergreifend) von einer besonderen Angst getragen sind, die immer wieder diese und andere wirtschaftliche Schildbürgerstreiche zum Schaden des Gemeinwesens verursacht.

Merz argumentiert parteipolitisch vordergründig. Auch wenn seine Analysen nicht tiefschürfend sind, ist immerhin fast alles - auf die aus dem Bundestag bekannte Merzsche Art - wunderbar geschliffen formuliert. Bisweilen läßt sich Merz vor lauter Formulierungsfreude zu einer Stilblüte hinreißen. So spricht er im Kontext von Kinderarbeit von Kindern, die "hart und barbarisch arbeiten".

Zwar beschwört das Buch die großen Namen des bundesdeutschen Ordoliberalismus der Anfangsjahre, ist aber mangels konsistent durchgehaltener Position weder ein ernstzunehmendes kapitalistisches Manifest noch eines für die Soziale Marktwirtschaft. So heißt es an einer Stelle, daß Vorstände, die meinen, daß sie in Deutschland im Vergleich zum Ausland immer noch zu wenig verdienen, halt dorthin gehen sollen. An einer anderen, daß man die wirtschaftliche Führungselite nicht verprellen darf, wenn sie, weil sie Privatschulen für ihre Kinder nicht von der Steuer absetzen können, ihre Rasselbande dann im Ausland ausbilden ließen, was deren Neigung vermindere, später in Deutschland zu arbeiten. Daß Merz nicht auf die Idee kommt, erst einmal ein konsequentes Finanzierungskonzept für das staatliche Schul- und Universitätssystem zu konzepieren? Immerhin bestünde ja die Chance, einen Teil der berechtigten Ausbildungssorgen der wirtschaftlichen Elite gegenstandslos zu machen. Das könnte freilich dazu führen, daß dann so mancher Krieg und so manche EU-Eskapade nicht mehr zu finanzieren wäre, weil das Geld für ganz grundlegende bundesrepublikanische Reformen gebraucht würde.

Merz spricht sich explizit für angelsächsische Elemente in Politik und Wirtschaft aus und bringt seine Sympathie dafür mit unerläuterten Vokabeln wie "checks and balances" und "corporate governance" zum Ausdruck. So möchte er das Parlament stärken und u.a. das Wahlsystem nach englischem Vorbild als Mehrheitswahlrecht gestalten. Immerhin äußert er am Ende des Buches Verständnis für den Willen der Deutschen, an politischen Entscheidungen stärker zu partizipieren. Merz läßt das leider so unverbindlich und unkonkret, daß sich der Bürger zwar ein bißchen daran wärmen kann, es der politischen Klasse aber kein bißchen wehtut.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 7. September 2011
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